ZÜRI WEST
(1984 - 1985)

Ein zärtlicher Blick zurück zum Zorn

Züri West entstand im Frühjahr 1984. Die Musiker aus Bands wie Bøngh, Convoy, Bluff, Shelter und Body Lotion kannten sich schon eine Weile. An Silvester 1983 spielten sie im «Sternen» Worb unter dem Namen Gianni Primavera and the Transparent Erections ein Set mit Coverversionen. Gitarrist Markus «Küse» Fehlmann, Bassist Peter «Pesche» Schmid und Sam beschlossen, fortan gemeinsame Sache zu machen. Was noch fehlte, war ein Sänger. Der Wunschkandidat Kuno Lauener schien bei der Band Body Lotion leider in festen Händen zu sein. Eine weitere gemeinsame Session im Frühjahr beseitigte diese Zweifel: Kuno sagte spontan zu und in den frühen Morgenstunden des nächsten Tages kam es zur frenetischen Bandgründung. Der Bandname entstand wie die meisten Züri-West-Songs dieser Zeit im Ping Pong einer Jam Session. Einige Wochen später brachte Kuno den Gitarristen Peter «Sibi» von Siebenthal mit ins Probelokal, der nach der Session seinen Vox-Verstärker gleich stehen liess. Hey Ho – let’s go!

Züri West waren für uns der Noteingang. Der klassische Berner Rock war Mitte Achtzigerjahre nicht in seiner kreativsten Phase, die Routiniers von der SchmetterBand bis zu Schimmelpilz verstopften die Kanäle grausam. Wir wollten die Szene aufmischen und die Lokalhelden lautstark und punkig daran hindern, endgültig zum gemütlichen Teil ihrer Karriere überzugehen. Mit Kuno hatten wir einen Sänger, der eine andere Sprache drauf hatte als seine Vorgänger. Und einmal mehr war der Rock’n’Roll die richtige Musik, um einen Generationenkonflikt zu vertonen.

Darum spielten wir vom ersten Konzert an so, als ob es um alles ginge: Schneller, lauter, unter vollem Körpereinsatz. Das musikalische Erbe unserer früheren Bands (mit Einflüssen von BAP bis Dire Straits) kam uns allerdings noch etwas in die Quere: Vertrackte Arrangements liessen sich im Tempo des gehetzten Teufels noch schwerer umsetzen als bisher. So waren wir immer auf Speed, lagen voll in die Kurven und machten uns das Leben auf unseren Instrumenten schwer. So schwer allerdings auch wieder nicht. Der Enthusiasmus und der heilige Eifer der frühen ZüriWest waren kaum zu übertreffen.

Wir probten in unserem Kellerlokal im Berner Kirchenfeld wie die Besessenen, den Rest der (Frei-)Zeit verbrachten wir mit kühnen Träumereien und konspirativen Gesprächen. Als unser erstes auswärtiges Konzert in Boswil AG für 350 Franken Gage im letzten Moment platzte, waren wir am Boden zerstört. Wir telefonierten wie wild nach einem Ersatz. Schliesslich wurde Sibi, unser Mann aus Balsthal, fündig: Noch am selben Abend fuhren wir in die Solothurner Genossenschaftsbeiz «Kreuz», um ein Fest der Lokalsektion der italienischen Kommunistischen Partei mit unseren berndeutschen Wutausbrüchen zu beglücken. Das war zumindest gut für die Amortisation des Bandbusses, den wir uns schon geleistet hatten, als es mangels Auftritten noch gar nichts zu transportieren gab.

Klar, dass Züri West nicht immer im Sturm und Drang-Modus spielten und wir ohne Pathos auskommen konnten oder wollten. Man höre sich nur einmal «Flachgleit», Kunos Ode an den alternativen Club ZAFF in einem besetzten Haus im Berner Mattenhof-Quartier an. Dort drin steckt einiges mehr als ein paar «banali Gfüeu für ne illegale Ort», wie es im Text heisst. Doch das Image von Züri West war dasjenige einer «rotzigen», von jugendlichem Zorn getriebenen Band. Die fliegenden «Straf-Bars» der bewegten Szene bildeten den Nährboden für viele Berner Bands der neuen Generation. Wir waren keine Politaktivisten. Aber Züri West waren dabei, als die Bewegung das «Packeis» mit Lebensfreude und Untergrundfesten zu zerhacken versuchte.

Der erste Züri-West-Auftritt fand im ZAFF statt. Gitarrist Küse Fehlmann und Sam sondierten vorgängig die Lage im frisch besetzten Haus – wir fürchteten um unsere auf Pump erstandene Anlage. Der stadtbekannte Aktivist Giovanni «Fashion» Schumacher begrüsste uns mit den Worten: «Aha – die Studis zeigen sich auch mal wieder!». Unseren Rocker-Egos schmeichelte das wenig. Wir spielten trotzdem. Und spielten dann immer wieder, bis der Staat das ZAFF flachlegte.

1984/54 herrschte auch in der Berner Medienszene Aufbruchsstimmung. Davon profitierte Züri West enorm. Auf dem eben an den Start gegangenen Lokalradio ExtraBE wurde unsere Demokassette mit Attacken auf die Polizei («Schwinigers») und die Berner Rockszene («letschtNacht bin’i ga penne trotz dr Musig i dr Schtadt, denn jedes Band wo gschpiut het han’i mittlerwyle satt») auch im Tagesprogramm rauf und runter gespielt. Beim Interview durften wir poltern und unsere jugendlichen Hörner an all den vermeintlichen Feindbildern aus der Berner Rockszene abstossen. Sprachlos waren wir erstmals, als sich der Szenen-Pate Polo Hofer bloss mit einem verständnisvollen Schmunzeln über unsere Proteste äusserte.

Dank vielen Gigs und ebenso viel medialem Wohlwollen ging die Post für Züri West schon bald ab. Eine von der Migros organisierte Tournee im Sommer/Herbst 1985 sorgte erstmals für nationale Aufmerksamkeit. Die live aufgenommene Maxi-Single «Splendid» ist das Zeugnis dieser Aufbruchphase. Ende 1985 verliess Pesche Schmid die Band aus beruflichen Gründen, einige Wochen später folgte ihm Sam. Die Band liess sich von diesen Abgängen nicht erschüttern und startete schon bald richtig durch. Von der Gründerformation sind heute noch die unzertrennlichen Schweizer «Glimmer Twins» Kuno Lauener und Küse Fehlmann dabei. Dank ihnen bleibt Züri West eine der beständigsten Bands der Schweizer Rockszene, oder, wie es Kuno sagt: «Züri West isch e alti Maschine wo louft ulouft.»

A tender look back to the anger

Züri West was formed in the spring of 1984. The musicians came from bands like Bøngh, Convoy, Bluff, Shelter and Body Lotion and had known each other for a while. On New Year's Eve 1983 they played a set of cover versions under the name of Gianni Primavera and the Transparent Erections. Guitarist Markus Fehlmann, bassist Peter Schmid and Sam decided to join forces from then on. What was still missing was a singer. Unfortunately, our dream candidate Kuno Lauener seemed to be in steady hands with the band Body Lotion. A further joint session in spring removed these doubts: Kuno spontaneously joined the still unnamed band. Like most of Züri West’s songs, the band name was born in the ping-pong of a jam session. A few weeks later Lauener brought guitarist Peter von Siebenthal with him, who left his Vox amp in our rehearsal room right after the session. Hey Ho, let’s go!

Züri West was the emergency entrance for us. The Bernese Rock wasn't in its most creative mood in the mid-eighties, the established bands were clogging the channels. We wanted to stir up the scene and prevent the local heroes from finally moving on to the cozy part of their career in a loud and punky way. With Kuno we had a singer who spoke a different language than his predecessors. And once again rock'n'roll was the right music to set a generation conflict to music!

That's why from the very first concert we played as if this could be the last time: faster, louder, with lots of physical commitment. The musical legacy of our earlier bands got in the way a little bit: complicated arrangements were even harder to realize in the tempo of the chased devil than before. But the enthusiasm of the early Züri West could hardly be surpassed.

We rehearsed in a cellar in the Kirchenfeld quarter in Bern, the rest of our (free) time was spent with bold reveries and conspiratorial discussions. When our first out-of-town concert in Boswil AG for a 350 francs fee burst at the last moment, we were devastated. We phoned like mad for a replacement. Finally, we found one: That same evening we drove to the Solothurn cooperative restaurant "Kreuz" to celebrate a party of the local section of the Italian communist party with our Swiss dialect outbursts of rage. That was at least good for the amortization of the band bus, which we had already afforded when there was nothing to transport due to a lack of performances.

Let’s put this straight: Züri West were not permanently in the Sturm und Drang mood and we were not lacking pathos. Just listen to "Flachgleit",Lauener's ode to the alternative club ZAFF located in a squatted house in the Mattenhof quarter of Bern. There's a lot more to it than a few “banal feelings for an illegal place”, as the song lyrics say. But the image of Züri West was that of a "snotty" band driven by youthful anger. We were not political activists. But we were there when the Bernese Youth movement tried to break the "pack ice" with pure lust for life and underground parties.

The first Züri West gig took place at ZAFF. Guitarist Küse Fehlmann and I checked out the situation in the newly occupied house beforehand - we feared for our new PA, which we had bought on credit. The activist Giovanni "Fashion" Schumacher greeted us with the words: "Oh, what do we have here- the students are showing their faces again! Our rocker egos were not flattered by this. We played anyway and then played again and again until the local authorities demolished the house.

There was also a wind of change in the Bernese media scene. Züri West profited enormously from this. The local radio station ExtraBE, which had just been launched, played our demo tape daily. During an interview we were allowed to stomp our young horns at all our supposed enemys. We were speechless for the first time when Polo Hofer, the godfather of the scene and the first one to sing in Bernese dialect WAREHUUS BLUES reacted to our attacks with a mild, knowing smile.

Thanks to many gigs and just as much goodwill in the media, Züri West’s success was growing fast. A 1985 tour organized by wholesale distributors Migros attracted national attention for the first time. The live recording "Splendid" is the testimony of this period. At the end of 1985, bassist Peter Schmid left the band for professional reasons, followed a few weeks later by Sam. The band was not shaken by these departures, kept working and soon was one of the most successful groups in Switzerland. The inseparable Swiss "Glimmer Twins" Kuno Lauener and Küse Fehlmann are the remaining members of the founding formation. Thanks to them, Züri[ West remains one of the most enduring bands on the Swiss rock scene, or, as Lauener puts it: "Züri West is a machine, that never runs out of gas.”